Biographie

CARL TIMNER

Biographie

Carl Timner

CARL TIMNER

(*29. Juni 1933 Berlin, †27. August 2014 Trevi/Perugia) war ein deutscher Maler, Zeichner und Graphiker des zeitgenössischen Realismus.

(Text von Michael Nungesser)

Leben

Carl Timner ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Sein früh verstorbener Vater leitete dort die vom Großvater gegründete „Weinessig- und Essigsprit-Fabrik Carl Timner“. 1950 machte Timner in Berlin am Goethe-Gymnasium sein Abitur und besuchte 1951-52 die Meisterschule für das Kunsthandwerk. Er studierte an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Berlin-Charlottenburg (Grundlehre bei Hans Uhlmann, Malklasse bei Max Kaus) sowie 1952-53 Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie an der Universität Göttingen. 1951 reiste Timner erstmals nach Italien.

Von 1953 bis 1956 lebte er in Rom und arbeitete im Atelier des Malers Corrado Cagli (1910-1976). In diesen Jahren hatte er engen Kontakt zu den Künstlerkreisen um die Maler Renato Guttuso (1911-1987), mit dem er befreundet war, Giuseppe Capogrossi, die Brüder Afro und Mirko (Basaldella) sowie den Schriftsteller, Maler und Politiker Carlo Levi. Deren Herkunft aus der antifaschistischen Widerstandsbewegung brachte Timner mit politischen Themen und den kontrovers und streitbar geführten Diskussion über abstrakte oder figurative Kunst in Berührung.

1956 kehrte Timner nach West-Berlin zurück und unterstützte seine Mutter bei der Leitung der neu gegründeten Familienfirma nach den Katastrophen des Krieges.

1965-1966 erhielt er den Auftrag für Modellstudien und Probebilder zur Rekonstruktion des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Deckengemäldes von Antoine Pesne im Schloss Charlottenburg. 1968 war Timner Assistent von Renato Guttuso an der Hochschule der Künste in Hamburg und Mitbegründer der Künstlergruppe „Rote Nelke“ in West-Berlin, der er bis 1973 angehörte. Danach gehörte er zu den Mitbegründern der „Vereinigung demokratischer und sozialistischer Künstler“ (VDSK). An Ausstellungen und Aktivitäten beider Vereine war er vielfach beteiligt.

1971 heiratete Timner die Italienerin Clara Moriconi, die er durch den mit ihm eng befreundeten Bruder, den Maler Angelo Moriconi (1932-1977), kennengelernt hatte.

1972-1975 war Timner zusammen mit dem Schauspieler Michael Kramer Vorsitzender des „Ständigen Komitees Kulturtage – Progressive Kunst West-Berlin“; arbeitete in den 1980er Jahren bei der Initiative „Künstler für den Frieden“ mit. Von 1978 bis 1986 unterrichtete er als Gastprofessor Aktzeichnen an der Hochschule der Künste in West-Berlin.

Seit 2002 war Timner Mitglied im „Künstlersonderbund in Deutschland. Realismus der Gegenwart“.

Seit den 1950er Jahren bis zum Ende der Teilung der Stadt beschickte Timner mehrfach die Großen Berliner Kunstausstellung, die Juryfreien Kunstausstellung und zuletzt die Freie Berliner Kunstausstellung in Berlin (West) sowie die Intergrafik in Berlin (DDR). Retrospektiven seines Werkes fanden im Kulturhaus Marchwitza (1986) in Potsdam statt, in der Kommunalen Galerie (1988 und 1998) in Berlin und im Complesso Museale di San Francesco (2003) in Trevi (Perugia).

Carl Timner lebte und arbeitete über Jahrzehnte abwechselnd in Berlin und Rom, zuletzt auch in Trevi, wo er mit 81 Jahren verstarb.

Werk

Am Beginn des malerischen Werks von Carl Timner, das laut Werkverzeichnis ca. 1300 Gemälde umfasst, stehen mehrere um 1950 entstandene Selbstporträts. Breiten Raum nehmen stilisierte figürlichen Kompositionen ein, Stillleben (teils als Collage), Stadtansichten, vereinzelt auch Porträts, darunter in Italien 1954 von dem US-amerikanischen Bühnenbildner Edwin (Ed) Frank Wittstein (1929-2011) und  von dem britischen Dichter Thomson (Thom) William Gunn (1929-2004). Ab 1953 wechseln figürliche mit abstrakten Kompositionen; diese tragen teils surreale Züge, wie die Bilder „Paradiesgärtlein“, „Wächter im Orangenhein“ und „Laren (Hausgötter)“ von 1954. Geometrische Muster formen die abstrakten Serien der farbfreudigen „Vexierbilder“ (1954), an die sich „Variationen über cosmatische Intarsien“ (1955) und „Variationen über ein Thema des Architekten C. P.“ (1955/56) anschließen.

Von 1957 bis 1961 stehen mit den Serien „Gitterbilder“, „Netzbilder“, „Kakteenbilder“, „Strohbilder“, „Rollbilder“ und „Rindenbilder“ abstrakte Kompositionen in toniger Farbigkeit im Zentrum, deren strukturelles Prinzip sich in den Titeln zu erkennen gibt. Unter den figürlichen Darstellungen dieser Jahre finden sich häufig Lauten- und Flötenspieler sowie viele Bildnisse aus dem Familien- und Freundeskreis.

1962 ist Timners ungegenständliche Phase abgeschlossen; Figur, Porträt, Landschaft, Stadtlandschaft (meist Berlin und Rom, mit Umgebung), Natur und Stillleben (meist Blumensträuße) bilden fortan die dominierenden Themenkreise. Politische Ereignisse zu Beginn der 1960er Jahre wie Mauerbau und Kubakrise, die den Kalten Krieg zwischen Ost und West forcieren, und das Erstarken der Bürgerrechts- und Studentenbewegungen, besonders in USA und West-Berlin, finden im Laufe der Dekade in Timners Werk breiten Widerhall. Zwischen 1968 und 1971 malt Timner eine Reihe spannungsgeladener Figurenbilder zum Vietnam-Krieg.  Unter diesen „Vietnam III (mit Rudi Dutschke) (Blutige Demonstration enthält zwei Porträts des Studentenführers, auf den im April 1968 ein Attentat verübt wurde, als Symbol der westdeutschen Solidaritätsbewegung mit dem Vietcong. Es folgen „Vietnam IV (Erschlagener)“ und „Vietnam V (Die Hand mit der Fahne)“, zuletzt „Vietnam VI“, in dem eine bildfüllende Vietcong-Flagge und ein jubelnder junger Mann auf das siegreiche Ende des Krieges verweisen.

Politische, sozialkritische Themen bilden fortan einen Schwerpunkt im Schaffen von Timner. Wie beim Vietnamthema erprobt, wird die einzelne Komposition von montagehaft ins Bild gesetzten Menschen, einzeln oder in Gruppen, dominiert, die durch Gestik, Mimik, Kleidung und symbolhafte Gegenstände zu positiven Emotionsträgern werden. Der meist nur durch unruhige Pinselstriche strukturierte Hintergrund bildet einen dramatischen und zugleich offenen Bildraum. Zu diesem Werkkomplex gehören „Gruppenbild Rote Nelke“ (1969/70), ein Selbstporträt mit Mitgliedern der Künstlergruppe. „Meinen Freunden in San Francisco gewidmet“ (1971) und „Für Angela Davis“ (1972) beziehen sich auf die Verhältnisse in den USA „Lokomotive Kreuzberg“ (1974), „30 Jahre Frieden?“ sowie „Erinnerung an die Kulturtage“ (1978) auf Aktivitäten der politischen Linken in West-Berlin.

Eine wichtige Rolle spielt Timners Serie zu Chile, entstanden 1974. Sie ist eine bittere Reaktion auf den blutigen Militärputsch von 1973 unter General Augusto Pinochet zur Niederschlagung der demokratisch gewählten Regierung der Unidad Popular. Die Serie besteht aus den Gemälden „Mädchen in Tuch (Chile)“, „Die unbesiegbare Schrift (Brecht)“, „‚Brüder wißt, unser Kampf auf Erden wird fortgesetzt werden‘ (Pablo Neruda)“, „Wir werden dich rächen“, „Ein Lied für Chile“ und „Für das Volk von Chile“, in denen Menschen als geschlagene oder getötete Kämpfer für ein freies Chile oder als Ausdruck weltweiter Solidarisierung auftauchen.

Studien von verletzten und gefolterten halbnackten Männern und von schmerzverzerrten Gesichtern führen zur Serie über den Bürgerkrieg in Libanon. Anlass ist das Massaker christlicher Milizen von 1976 auf ein Palästinenserlager. Der Titel der Serie – „…nicht ewig auch unbelehrbar“ (1977) – ist ein Zitat aus Bertolt Brechts Theaterstück „Die Mutter“. Timners „Studie VIII“ nennt sich „In Memoriam ‚Gott mit uns‘ Guttuso 1945“ (Anspielung auf eine antifaschistische Bilderserie von Renato Guttuso), gefolgt von „Das kennen wir schon (Hommage à Cagli)“, „Das hat keinen Sinn“, „Das auch nicht“ und „So geht es nicht“ – Bilder, in deren teils mythologisch überhöhten Folterszenen auch Gestalten erscheinen, die der Bildwelt von Matthias Grünewald entspringen.

Friedenssicherung bildet im Werk Timners ein Leitmotiv in immer neuen Variationen. In den 1980er Jahren entstehen „Mitglieder der Gruppe ‚Peng Peng‘ bei der Aufführung ihres ‚Atombombensongs‘, Oktober 1981“ und „Für einen Frieden“. Auf ein historisches Ereignis zu Beginn des Nazi-Diktatur spielt das Gemälde „Zur Köpenicker Blutwoche“ (1982) an, das einige Jahre in der gleichnamigen Gedenkstätte ausgestellt war. „Es sind immer dieselben“ (oder Apokalypse), (1982/83) verweist auf Dürers apokalyptische Reiter und ist zugleich eine Hommage an John Heartfield.

Timners engagierter Realismus wurzelt in der europäischen Kunstgeschichte seit der Renaissance bis hin zum Realismus der Zwanziger Jahre. In einigen Gemälden finden sich direkte Hinweise auf Traditionen, etwa „Alte Frau (Käthe Kollwitz)“ (1974) und „Nach Caravaggio (Amor als Sieger)“ (1998). Zahlreiche Aktzeichnungen (besonders um 1990) verweisen auf Egon Schiele. Der berühmte Kupferstich „Melencholia I“ (1514) von Albrecht Dürer regt den Künstler – über Jahre hinweg – zu Paraphrasen des Themas an, etwa in den Gemälden „Melancholie geflügelt“ (1978), „Melancholie in Rom“ (1983) und „Melancholie mit Selbstporträt“ (2008). Im Jahre 1995, ein halbes Jahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkrieges und bis 1997, beginnt Timner eine Serie von „Variationen über ‚Die Schwarzen Zimmer‘ (Hommage an Karl Hofer)“, in der er Hofers düstere Vorahnung von 1924 (Zweitfassung 1943) auf den Faschismus in Deutschland auf die heutige Zeit bezieht, mit verhaltener Hoffnung auf Selbstbestimmung und Auflehnung.

Andere Themenbereiche im Werk von Timner beziehen sich auf das Arbeitsleben. Der Serie „Druckereibilder“ (1978/79) enthält simultane Szenen verschiedener Arbeitsprozesse sowie das Verhältnis von Mensch und Maschine. Historisch-mythologische Aspekte finden sich in „Katharina von Alexandrien“ (1984), „Fortuna auf Piazza del Popolo“ (1985), „Babylon“, „Adam und Eva“ (beide 1986), „Judith“ (1987) und „Die törichten Jungfrauen“ (2002).

Die menschliche Figur steht dabei im Mittelpunkt – Ausdruck einer humanen Grundhaltung. Anatomie-, Bewegungs- und Kleidungsstudien führen auch zu zahlreichen intimen Figurenkompositionen meist weiblichen Personen.  Auch Musizierende, einzeln oder im Ensemble, bilden ein konstantes Motiv im Gesamtwerk. Nur angedeutet werden kann die große Bedeutung der Porträtmalerei für Timner, die sich auf einen großen Freundes- und Bekanntenkreis bezieht. Hervorzuheben ist das 1980 gemalte Bildnis des hoch betagten Schauspielers Curt Bois (1901-1991), der nach seinem US-amerikanischen Exil in West-Berlin vor allem am Schillertheater tätig war.

Außer der menschlichen Figuren malt Timner auch viele Stillleben, Landschaften und Städtebilder. Ein für ihn typischer Gegenstand ist der Stuhl, stets mit gepolstertem oder geflochtenem Sitz, mit Kleidungsstücken, vor allem Lederjacke, Kimono und weibliche Unterwäsche. Weiterhin gibt es Blumen:  Akelei, Ginster, Malven, Mimosen, Oleander oder Ringelblumen, auch Sonnenblumen (ihnen widmet Timner 1996 eine eigene Serie)

In der Landschaftsmalerei zeigt sich Timners einfühlsame Naturnähe. In Italien zieht ihn besonders die Parklandschaft der Villa Doria Pamphilj an – Roms größte Parkanlage. Regelmäßig bilden alte Plätze und Gebäude der italienischen Hauptstadt zentrale Motive wie Forum Romanum, Kolosseum, Kapitol, Piazza Navona und Porta del Popolo, Blicke über die Dächer der Stadt, die Landschaften in Latium und Umbrien.

Schon in den frühen 1970er Jahren entstehen Berliner Stadtlandschaften, in denen sich Schönheit und Verfall mischen, meist von Kreuzberg, Verweis auf den Abriss alter Wohnviertel. Die Spree, Berlins Kanäle und Brücken sowie das Gelände um die S-Bahn sind häufige Bildmotive. Nach dem Fall der Berliner Mauer treten der Ostteil der Stadt (z.B. Gendarmenmarkt, Dom, Fernsehturm, Köpenick) und Berlins Umgebung in den Vordergrund – Schwielowsee und Ruppiner See, die Stadt Potsdam mit ihren zahlreichen alten Gebäuden. Timners malerisches Werk wird von Zeichnungen begleitet – insgesamt ca. 1400 Blatt, ausgeführt mit Blei- oder Buntstiften, (meist farbigen) Wachsmalstiften, Kohle, Kreide, Pastell oder Rötel auf (manchmal getöntem) Papier. Ein Teil der Arbeiten dienen als Studien bzw. direkte Vorstufen zu Bildern, viele hingegen weisen einen autonomen, betont malerisch-plastischen, lebendigen Charakter auf. Im Zentrum steht der Mensch – fast immer Frauen –, dargestellt nach lebenden Modellen oder Fotos, die Timner von Modellsitzungen machte. Nackt oder bekleidet, sind Frauen zu sehen, die sich umarmen, die aneinander halten oder sonst wie miteinander in Beziehung stehen.

Innerhalb des gesamten Werkkomplexes befinden sich Serien, die Gemälde nicht nur  begleiten, zu ihnen hinführen oder ihnen inhaltlich nahe stehen, sondern die das malerische Themenspektrum erweitern.  Außerdem stammen von Timner zahlreiche Entwürfe für Plakate, Umschläge und Illustrationen zu Büchern sowie Graphik, vor allem Lithographien.

Timners Werk, bestehend aus Malerei und Zeichnung, aus Figur, Porträt, Stillleben, Landschafts- und Stadtbild, verknüpft alle Facetten zu einem Ganzen, in dem sich persönliche und gesellschaftliche Erfahrung des Künstlers widerspiegeln.